Fremde Gedanken.


Warum konnte der Idiot, der ihm in der S-Bahn gegenübersaß, nicht endlich aufhören seine schief und falsch betonten englischen Texte zu singen? Oder einfach aussteigen? Oder auf der Stelle tot umfallen. Egal, hauptsächlich er belästigte ihn nicht weiter damit. 
Er richtete seinen Blick zum Fenster und versuchte sich zu entspannen. Seine Muskeln hatten sich bis aufs Äußerste angespannt. Er musste die Kontrolle über das, was um ihn herum geschah zurückgewinnen. Seine Mauer begann zu bröckeln. Der Freitag war immer der schlimmste Tag. Von dem Dauerbeschuss in der Schule war er angeschlagen.
Durchhalten. Noch ein Tag. Noch acht Stunden. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn. 
Die S-Bahn stoppte. Er lehnte sich mit geschlossenen Augen zurück und versuchte die Steine wieder in die Mauer zu stopfen. Tief einatmen. Luft anhalten. Konzentrieren. Ausatmen. Doppelt so lange wie die Einatmung. Doch er hatte keinen Erfolg. Die Kontrolle blieb verloren.
Er öffnete die Augen und der Typ ihm gegenüber zuckte zusammen und stolperte aus seinem Text. Himmlische Ruhe für einen Moment. Dann fing er wieder an. Blicke konnten eben doch nicht töten. Leider. 
Eine dicke aufgetakelte Frau mitte 60 ließ sich neben ihm auf den Sitz fallen und er rang nach Luft. Ihr süßliches Parfum schnürte ihm die Kehle zu. 
Dieses nasskalte Wetter … , jammerte die Frau in einer Tonlage, die ihm die Nackenhaare aufstellen ließ. Meine Gelenke und dieser Schwindel. Dieser Schwindel. Warum findet da nur niemand was. Immer verschreiben die mir nur Medikamente, die ich sowieso nicht vertrage. Allein dieser fürchterliche Ausschlag, den ich von dem Letzten bekommen habe. Ich hoffe, der will mir nicht wieder das Zeug andrehen, das mir diese grausame Mundtrockenheit gemacht hat. Ich werde ihm heute die Meinung sagen. Außerdem muss er ja noch meine Durchblutungsstörungen beachten. Da denkt der nie dran. 
Seine blauen Augen funkelten sie an. Nur mit Mühe konnte er seine Hände davon abbringen, sich an ihre Kehle zu legen und zuzudrücken.
Was sieht mich dieser unerzogene Bengel so an? Eine Welle aus Empörung brach über ihn herein. Sein längeres, blondes Haar, das wie immer unbändig in alle Richtung abstand, löste Abscheu in der Frau aus. Wie ein Faustschlag drang sie durch die kläglichen Reste seiner Mauer und zersplitterte sie in Tausende Stücke. 
Und diese Kleidung. Als Mutter würde ich mich schämen, wenn mein Sohn so durch die Gegend laufen würde. Mit Löchern in der Hose. Die Jugend von heute ist wirklich verkommen.
„Nächster Halt: Städtisches Schulzentrum“, kam es aus den rauschenden Lautsprechern. 
Er sprang auf. Endlich! Selbst seine Klassenkameraden waren leichter zu ertragen als das hier. Er quetschte sich an den dicken Beinen der Frau vorbei, die nicht einmal daran dachte, ihm etwas Platz zu machen. Als er neben ihr stand, breitete sich auf seinen schmalen Lippen ein spöttisches Lächeln aus. „Wenn ich ihr Arzt wäre, würde ich ihnen einen Strick verschreiben. Der hat sicher keine Nebenwirkungen“, flüsterte er ihr zu und machte zwei lange Schritte zur Tür. 
Im Vorbeigehen sah er das entsetzte Gesicht der Frau durch das Fenster. Sie war sich sicher, dass sie ihre Gedanken nicht eine Sekunde laut ausgesprochen hatte, doch woher hatte er es dann gewusst.
Das würdest du gerne wissen, nicht wahr? 
Die S-Bahn fuhr an und noch einmal trafen sich ihre Blicke. 
Hast du schon mal etwas von Telepathie gehört?
Das Letzte, was er von ihr auffing, war ein unbehagliches Gefühl, das sich wie ein zu enger Mantel um ihren Körper legte. 

Patterns (c) Text (c) Yonne Wacker

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