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Und er malte

.:Und er malte:.

Mein Bruder war 5 Jahre älter als ich und trotzdem hatte er nie mit mir gespielt. Er saß immer in der gleichen Ecke im Wohnzimmer und starrte mit angsterfüllten Augen an die Wand. Er sprach nicht und wenn unsere Mutter ihn nicht gefüttert hätte, dann wäre er verhungert. Niemand wusste, warum er so war. Es war plötzlich passiert, kurz vor meiner Geburt. 
Eines Tages mussten meine Eltern beide zu einem Termin. Das war bis dahin noch nie passiert. Einer war immer zu Hause geblieben, um auf meinen Bruder aufzupassen. Sie hatten mir gesagt, dass sie das taten, weil man nie wüsste, ob er nicht doch einmal ausrasteten würde oder so. Deswegen verboten sie mir auch in dieser Zeit in seine Nähe zu kommen. Aber ich hielt mich nicht daran. Ich hatte keine Angst vor ihm und wollte nicht glauben, dass er mir etwas tun könnte. Ich hatte ihm schließlich auch nichts getan.
Unsere Eltern gingen und ich setzte mich zu meinem Bruder ins Wohnzimmer. Neben ihm, sodass er auch alles sehen konnte, malte ich mit meinen Buntstiften. Irgendwann sah er mich an. Ungewöhnlich für ihn. Sonst hatte er nie Menschen angesehen.
„Möchtest du auch malen?“, fragte ich und hielt ihm den Stift hin.
Er griff danach. Doch er konnte ihn nicht halten. Auch wenn er einmal in der Woche eine Therapie bekam, hing er weit in der Entwicklung zurück und seine Hände waren steif, weil er sie immer zur Faust geballt hatte. Ich legte meine Hand auf Seine, schob seine Finger so hin, wie er sie zum Malen brauchte. Er lenkte die Bewegung. Ich hielt das Gewicht des Stiftes. Am Anfang waren es nur Striche und Kreise. Dann übernahm ich die Führung und zeigte ihm, wie man einen Baum malte. Er machte es nach. So verbrachten wir den gesamten Nachmittag. 
Ohne dass meine Eltern es wussten, malten wir jeden Tag und es ging immer besser. Mein Bruder begann sich sogar langsam zu verändern. Er konnte zwar nicht sprechen, aber die Zeichnungen waren unsere Sprache. Er lernte den Stift allein zu halten, was zwar seltsam aussah, aber funktionierte. Und manchmal schaute er zu mir hoch und sah mir direkt in die Augen. Doch es gab auch immer wieder Wochen, in denen auch unsere Sprache nicht funktionierte. 

Je älter mein Bruder wurde, desto öfter dachten meine Eltern darüber nach, was sie mit ihm machen sollten. Sie wollten ihn nicht ewig durchfüttern. Inzwischen war er schon 20.

In einer Nacht kam mein Bruder zu mir. In seiner Hand hatte er Stifte und Papier. Er machte das Licht an. Ich wachte auf. Er setzte sich auf den Boden vor meinem Bett und fing an zu malen. Ich kämpfte meine Müdigkeit runter und kniete mich zu ihm. Seine Zeichnungen waren nicht anders als die eines Kindergartenkindes, aber ich erkannte, was er malte. 
„Ist das Papa?“, fragte ich mit zitternder Stimme. 
Mein Bruder sah mich an und dann wieder auf das Bild. Ich wertete das als ja. 
„Deswegen also. Hab keine Angst. Ich sorge dafür, dass er dir nie wieder etwas antun kann.“
Ich nahm mein Handy und wählte die 110. Dass es mitten in der Nacht war, interessierte mich nicht. Das, was mein Vater ihm angetan hatte, durfte auf keinen Fall eine Minute länger ungestraft bleiben. 
Mein Bruder nahm wieder den Stift in die Hand. Ich erkannte mich selbst mit Flügeln und einem Stift in der Hand. Dann geschah etwas, womit ich nie gerechnet hätte. Mein Bruder nahm mich in den Arm und klammerte sich an mir fest. Er hatte mich noch nie so berührt. Vor jeder Art von Körperkontakt hatte er bisher Angst gehabt und jetzt wusste ich auch warum. Er lehnte sich an mich und weinte. 

Das alles ist jetzt 10 Jahre her. Mein Bruder hat das Sprechen wieder erlernt. Nachdem seine Mauer aus Angst und Pein endlich gebrochen und die Wahrheit endlich ans Licht gekommen war, konnte er zurück ins Leben finden. Ich lebe noch heute mit ihm zusammen und fiebere mit ihm, dass er in weniger Wochen seinen Abschluss machen kann.

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